{"id":2444,"date":"2018-09-30T13:37:42","date_gmt":"2018-09-30T13:37:42","guid":{"rendered":"http:\/\/scholbach.de\/?page_id=2444"},"modified":"2020-04-15T19:46:24","modified_gmt":"2020-04-15T19:46:24","slug":"gefaesskompressionen-als-beispiel-fuer-gender-medizin","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/scholbach.de\/de\/gefaesskompressionen-als-beispiel-fuer-gender-medizin","title":{"rendered":"Menstruationsschmerzen, kein unab\u00e4nderliches Schicksal sondern Folge von Gef\u00e4\u00dfkompressionen"},"content":{"rendered":"<p>Weit \u00fcber 90% aller Patienten mit Gef\u00e4\u00dfkompressionssyndromen sind M\u00e4dchen und Frauen. Man k\u00f6nnte hier also von einer typischen Frauenerkrankung sprechen. Ursache daf\u00fcr sind die anatomischen Besonderheiten im Aufbau des Beckenskeletts bei Frauen.<br \/>\nIn der Pubert\u00e4t w\u00e4chst das Becken von M\u00e4dchen st\u00e4rker als das von Jungen in die Breite und in die Tiefe. Beide Wachstumsprozesse beg\u00fcnstigen die Entwicklung einer besonders ausgepr\u00e4gten Lordose (Hohlkreuz).<br \/>\nDurch die Verbreiterung des Beckens \u00fcben die Lendenmuskeln, die von der Lendenwirbels\u00e4ule zur Oberschenkelinnenseite ziehen und die Funktion haben, das H\u00fcftgelenk zu beugen und den Oberschenkel nach innen zu ziehen, einen st\u00e4rkeren Zug an der Lendenwirbels\u00e4ule von Frauen aus. Da die Wirbels\u00e4ule nicht komprimiert werden kann, bewirkt dieser Muskelzug eine Vorw\u00e4rtskr\u00fcmmung der Lendenwirbels\u00e4ule und damit eine verst\u00e4rkte Lordose.<br \/>\nDie gr\u00f6\u00dfere Tiefenausdehnung des Beckens bei Frauen f\u00fchrt dazu, dass die Beckenanteile, die vor dem H\u00fcftgelenk liegen, eine gr\u00f6\u00dfere Hebelwirkung auf das H\u00fcftgelenk entfalten. Dadurch kippt das Becken nach vorn und unten ab. Auch dies begr\u00fcndet eine st\u00e4rkere Lordose der Lendenwirbels\u00e4ule, da die Lendenwirbels\u00e4ule direkt am Kreuzbein ansetzt, welches fest mit den \u00fcbrigen H\u00fcftknochen verbunden ist.<br \/>\nDie st\u00e4rkere Kr\u00fcmmung der Lendenwirbels\u00e4ule bei Frauen hat je nach Ausma\u00df der Lordose zum Teil gravierende Auswirkungen auf die inneren Organe. Auf dem Scheitelpunkt des Hohlkreuzes wird die linke Nierenvene, die vor der Wirbels\u00e4ule verl\u00e4uft, komprimiert. Das Blut der gestauten linken Nierenvene flie\u00dft zumeist r\u00fcckw\u00e4rtig, das hei\u00dft nach unten, \u00fcber die linke Eierstocksvene ins Becken ab.<br \/>\nMeist kommt als zweites durch den Zug der Zwerchfellschenkel, die an der Lendenwirbels\u00e4ule ansetzen, eine Kompression des Nervengeflechtes um der Truncus coeliacus zustande. Dieses Krankheitsbild hei\u00dft Ligamentum arcuatum-Syndrom oder Dunbar-Syndrom.<br \/>\nSp\u00e4ter wird h\u00e4ufig durch die Kippung des Beckens das Kreuzbein von hinten gegen die linke Beckenvene gedr\u00fcckt und diese Vene wird zwischen dem Knochen des Kreuzbeins und der rechten Beckenarterie abgedr\u00fcckt. Dieses Krankheitsbild hei\u00dft May-Thurner-Syndrom.<br \/>\nTypische Beschwerden von Frauen sind anf\u00e4nglich vor allem Oberbauchschmerzen und die h\u00e4ufig als \u201enormal\u201c angesehenen Menstruationsbeschwerden.<br \/>\nUnter dem Aspekt der Gef\u00e4\u00dfkompressionssyndrome sind starke Schmerzen unmittelbar vor Beginn der Regelblutung und den ersten Tagen der Menstruation leicht verst\u00e4ndlich.<br \/>\nEin Gro\u00dfteil des in der Nierenvene und in der linken Beckenvene gestauten Blutes muss n\u00e4mlich, um die untere Hohlvene auf der rechten Seite der Wirbels\u00e4ule zu erreichen, die Geb\u00e4rmutter und die Eierst\u00f6cke durchqueren, um von links nach rechts zu gelangen. Andere Organe, die ebenfalls in der Mittellinie des Beckens liegen, wie die Harnblase, der Mastdarm und die Scheide sind oft in geringerem Umfang ebenfalls von der gesteigerten Durchblutung infolge der Blutumleitung betroffen.<br \/>\nNur wenn der Durchtritt des Blutes durch die Geb\u00e4rmutter ohne gro\u00dfen Widerstand erfolgen kann, ist der Druck in den links im Becken oder der Wirbels\u00e4ule liegenden ven\u00f6sen Gef\u00e4\u00dfen so gering, dass die Frauen keine Schmerzen haben.<br \/>\nIm Laufe des Menstruationszyklus kommt es jedoch regelm\u00e4\u00dfig zu starken Ver\u00e4nderungen der Durchblutung der Geb\u00e4rmutter. Zu Beginn des Zyklus, nach Ende der Menstruationsblutung, baut sich die Geb\u00e4rmutterschleimhaut auf und die Durchblutung nimmt allm\u00e4hlich zu.<\/p>\n<div id=\"attachment_2454\" style=\"width: 413px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-2454\" class=\"wp-image-2454\" src=\"https:\/\/scholbach.de\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/MenstrualCycle.png\" alt=\"\" width=\"403\" height=\"507\" srcset=\"https:\/\/scholbach.de\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/MenstrualCycle.png 947w, https:\/\/scholbach.de\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/MenstrualCycle-239x300.png 239w, https:\/\/scholbach.de\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/MenstrualCycle-768x966.png 768w, https:\/\/scholbach.de\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/MenstrualCycle-814x1024.png 814w\" sizes=\"auto, (max-width: 403px) 100vw, 403px\" \/><p id=\"caption-attachment-2454\" class=\"wp-caption-text\">aus: https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/f\/f0\/MenstrualCycle.png<\/p><\/div>\n<div id=\"attachment_2447\" style=\"width: 620px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-2447\" class=\"wp-image-2447\" src=\"https:\/\/scholbach.de\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/MRI-uterine-perfusion.jpg\" alt=\"\" width=\"610\" height=\"343\" srcset=\"https:\/\/scholbach.de\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/MRI-uterine-perfusion.jpg 1280w, https:\/\/scholbach.de\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/MRI-uterine-perfusion-300x169.jpg 300w, https:\/\/scholbach.de\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/MRI-uterine-perfusion-768x432.jpg 768w, https:\/\/scholbach.de\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/MRI-uterine-perfusion-1024x576.jpg 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 610px) 100vw, 610px\" \/><p id=\"caption-attachment-2447\" class=\"wp-caption-text\">aus: In Vivo Perfusion, T 1 , and T 2 Measurements in the Female Pelvis During the Normal Menstrual Cycle: A Feasibility Study Caroline L. Hoad, PhD, Jonathan Fulford, PhD, Nick J. Raine-Fenning, PhD, Bruce K. Campbell, PhD, Ian R. Johnson, PhD, and Penelope A. Gowland, PhD in : JOURNAL OF MAGNETIC RESONANCE IMAGING 24:1350\u20131356 (2006)<\/p><\/div>\n<p>Mit dem Eisprung, etwa um den 14. Tag des Zyklus, setzt nochmals eine rapide Durchblutungssteigerung ein. Dies bedeutet, dass in dieser Zeit eine zunehmend bessere Passage von gestautem Beckenblut \u00fcber die Geb\u00e4rmutter m\u00f6glich wird. Kurz vor Einsetzen der Menstruationsblutung f\u00e4llt jedoch die Durchblutung der Geb\u00e4rmutterschleimhaut schnell ab. Dies konnte sowohl in der Magnetresonanztomografie als auch in der transvaginale Dopplersonografie wissenschaftlich gezeigt werden.<\/p>\n<div id=\"attachment_2448\" style=\"width: 602px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-2448\" class=\"wp-image-2448 \" src=\"https:\/\/scholbach.de\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/TVDoppler-uterine-perfusion.jpg\" alt=\"\" width=\"592\" height=\"333\" srcset=\"https:\/\/scholbach.de\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/TVDoppler-uterine-perfusion.jpg 1280w, https:\/\/scholbach.de\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/TVDoppler-uterine-perfusion-300x169.jpg 300w, https:\/\/scholbach.de\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/TVDoppler-uterine-perfusion-768x432.jpg 768w, https:\/\/scholbach.de\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/TVDoppler-uterine-perfusion-1024x576.jpg 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 592px) 100vw, 592px\" \/><p id=\"caption-attachment-2448\" class=\"wp-caption-text\">aus: Assessment of Endometrial Perfusion with Doppler Ultrasound in Spontaneous and Stimulated Menstrual Cycles Akihito Nakai, Akishige Yokota, Tatsuo Koshino and Tsutomu Araki in: J Nippon Med Sch 2002; 69\uff084\uff09<\/p><\/div>\n<p>F\u00fcr das gestaute Beckenvenenblut bedeutet dies, dass nun pl\u00f6tzlich ein hoher Widerstand durch die Geb\u00e4rmutter aufgebaut wird und der Druck in den linksseitigen Geb\u00e4rmutter-, Eierstocks- und Beckenvenen rasch zunimmt. Da diese Venen infolge der chronischen Dehnung durch die Blutstauung latent entz\u00fcndet sind, kommt es durch die pl\u00f6tzlich zunehmende Drucksteigerung und damit zunehmende Dehnung dieser Venen zu heftigen Schmerzen unmittelbar vor Einsetzen der Menstruationsblutung und meist am ersten bis maximal zweiten Tag der Blutung.<br \/>\nInteressant ist, dass mit einer medikament\u00f6sen Therapie zur Verringerung der ven\u00f6sen Stauung diese heftigen Menstruationsbeschwerden meist nachlassen oder ganz verschwinden k\u00f6nnen.<br \/>\nEinen anderen Wirkungsmechanismus, der sicherlich auch auf die \u00c4nderung der Durchblutung der Geb\u00e4rmutter einwirkt, hat die h\u00e4ufig von Gyn\u00e4kologen verordnete Therapie mit Ovulationshemmern. Darunter nehmen die zyklischen Umbauvorg\u00e4nge in der Geb\u00e4rmutter und die damit verbundenen Durchblutungsver\u00e4nderungen ebenfalls ab.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Weit \u00fcber 90% aller Patienten mit Gef\u00e4\u00dfkompressionssyndromen sind M\u00e4dchen und Frauen. Man k\u00f6nnte hier also von einer typischen Frauenerkrankung sprechen. Ursache daf\u00fcr sind die anatomischen Besonderheiten im Aufbau des Beckenskeletts bei Frauen. In der Pubert\u00e4t w\u00e4chst das Becken von M\u00e4dchen st\u00e4rker als das von Jungen in die Breite und in die Tiefe. 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